{"id":4086,"date":"2016-03-09T11:11:08","date_gmt":"2016-03-09T11:11:08","guid":{"rendered":"http:\/\/wnm.cdlxs.de\/?p=4086"},"modified":"2016-12-22T11:03:38","modified_gmt":"2016-12-22T11:03:38","slug":"ermacora-beate-das-wahre-gesicht-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/ermacora-beate-das-wahre-gesicht-2014\/","title":{"rendered":"Ermacora, Beate  \u2014 Das wahre Gesicht 2014"},"content":{"rendered":"<p>Zu Walter Niedermayrs neuester Werkgruppe \u201ePortraits\u201c, die in dieser Ausgabe von Quart erstmals zu sehen ist \u2013 am Umschlag und quer durch das Heft verteilt.<\/p>\n<p>Von Beate Ermacora<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u201eSie sind stumme Zeugen unserer Zeit. Sie stehen in der Landschaft als personifizierter Ausdruck unserer Konsumgesellschaft. Manchmal ver\u00e4ndern sie ihr Gesicht, wenn der Wind sie ber\u00fchrt. Sie warten in der Landschaft, auf dass sie den Winter entweder verl\u00e4ngern oder \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machen. Daf\u00fcr wird ihr Gesicht dann enth\u00fcllt, wenn es kalt genug ist, und sie d\u00fcrfen ihr wahres Gesicht zeigen. Mit lautem Get\u00f6se speien sie aus ihrem runden Maul, in dem sich ein turbinenartiger Fl\u00fcgel dreht, einen Strahl von wei\u00dfem Schnee in die manchmal noch schneelose Landschaft.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Walter Niedermayr <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Walter Niedermayrs neueste Werkgruppe tr\u00e4gt den Titel \u201ePortraits\u201c. Sie reiht sich ein in seine fotografische Untersuchung, Dokumentation und Interpretation der hochalpinen Landschaft, die er seit Ende der 1980er Jahre vornimmt. Seine gro\u00df angelegte Serie \u201eDie Bleichen Berge\u201c, f\u00fcr die er 1995 mit dem European Photography Award ausgezeichnet wurde, machte den S\u00fcdtiroler K\u00fcnstler international bekannt. Niedermayr n\u00e4hert sich dem bislang in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst eher verp\u00f6nten Alpenbild auf v\u00f6llig neue, kritisch beobachtende Weise. Dem seit der Romantik mit Sehns\u00fcchten und Klischees behafteten Sujet der erhabenen Berge begegnet er, egal ob in den italienischen, \u00f6sterreichischen, Schweizer und franz\u00f6sischen Alpen oder im amerikanischen Aspen, mit n\u00fcchterner, konzeptueller Distanz. In seinen Bildern verweist er stets subtil auf die zivilisatorische Erschlie\u00dfung und die allgegenw\u00e4rtige Pr\u00e4senz des Menschen selbst in den abgelegensten Winkeln der Bergwelt. Einer Bergwelt, deren Orte einander immer \u00e4hnlicher werden, wie er feststellt, \u201e\u2026 was die Gleichf\u00f6rmigkeit und die Strukturierung durch Freizeitanlagen und touristische Infrastrukturen betrifft. Der alpine Raum ist eine Topografie, wo sich Gesellschaft exemplarisch in den verschiedensten Spielformen unserer Konsumwelt manifestiert.\u201c<sup>1<\/sup> Teil der alpinen Eventkultur mit ihren gebiets\u00fcbergreifenden Schischaukeln, den gegl\u00e4tteten Abfahrten und den Versprechungen von Fun und Action in der Natur ist das Ph\u00e4nomen, dass die diversen Aktivit\u00e4ten den Menschen zusehends von der Landschaft und dem Natur-erlebnis abzukoppeln scheinen.<\/p>\n<p>Walter Niedermayr arbeitet seit 2012 an der Serie eigenwilliger \u201ePortraits\u201c, mit der er Schneekanonen im gesamten Alpenraum ins Visier nimmt. Vergleicht man sie mit seinen vorangegangenen Fotozyklen, die sich mit der alpinen Landschaft auseinandersetzen, so stellt man fest, dass der K\u00fcnstler seine fotografische Strategie hier signifikant ge\u00e4ndert hat. Die meist mehrteilig angelegten Panoramen von Gletschern, Felsw\u00e4nden und steilen Abh\u00e4ngen, in denen man erst bei genauerem Hinsehen Wege, H\u00fctten, Schilifte und Menschen entdeckt, waren aus einer bestimmten Entfenung fotografiert. Personen, die Gletscher besichtigen oder ihrem touristischen Freizeitvergn\u00fcgen in Form von Schifahren oder Snowboarden nachgehen, wirken in den landschaftlichen Weiten wie Ameisen. Sie erscheinen in den Aufnahmen, deren r\u00e4umliche Ausdehnung und Tiefe durch nachtr\u00e4gliche Unterbelichtung ins Fl\u00e4chige und damit Grundlose transponiert werden, wie grafische, ornamentale Elemente. Alle Bilddetails sind gleichwertig behandelt, nichts sticht dominierend heraus.<\/p>\n<p>Mit seinen neuen Motiven jedoch geht Niedermayr nun gleichsam auf Tuchf\u00fchlung, um die zunehmende Diskrepanz zwischen Mensch und Natur noch deutlicher herauszuarbeiten. Er fotografiert sie aus n\u00e4chster N\u00e4he, r\u00fcckt sie in den Vordergrund und in die Mitte des Bildausschnitts. Auch wendet er nicht mehr die f\u00fcr ihn bislang typische Methode an, die Fotoarbeiten als Polyptychen anzulegen, die es ihm erlaubte, durch \u00dcberlappungen, Verdoppelungen und Br\u00fcche minimale zeitliche und bildr\u00e4umliche Verschiebungen zu erzielen, um die Gleichsetzung von Bild und Wirklichkeit zu unterlaufen. Die Farben sind wie in allen Arbeiten Niedermayrs durch nachtr\u00e4gliche Bearbeitung blass und wenig kontrastreich. Jedes einzelne Foto steht f\u00fcr sich, obwohl es Teil einer breit angelegten Untersuchungsreihe ist, in der es sich in Gesellschaft weiterer Portraits wiederfindet. Au\u00dferdem wird die oftmals eingenommene Perspektive aus einer monumentalisierenden Untersicht zu einer inhaltlich aufgeladenen Bedeutungsperspektive. Damit tr\u00e4gt Niedermayr einer rasanten Entwicklung der alpinen Tourismusindustrie Rechnung, in der der Bau von Beschneiungsanlagen boomt, um angesichts des Klimawandels und der stetig steigenden Anspr\u00fcche der Urlauber Schneesicherheit zu gew\u00e4hrleisten. Wurde anfangs nur zur Pistenkorrektur beschneit, so kommt der Kunstschnee nun in allen Alpenl\u00e4ndern fl\u00e4chendeckend auch in hohen Lagen zum Einsatz. Die Schneekanonen fotografiert der K\u00fcnstler allerdings nicht im Winter, sondern im Sommer. Fallen sie in Winterlandschaften nicht so sehr ins Auge, weil sie bereits irgendwie zum modernen Schizirkus dazugeh\u00f6ren, so stellen sie im Sommer, wenn sie pl\u00f6tzlich v\u00f6llig losgel\u00f6st von ihrer Funktion in der Landschaft stehen, absolute Fremdk\u00f6rper dar. Wie uns die Fotos zeigen, hat sich ihr \u00c4u\u00dferes auch gravierend ver\u00e4ndert, denn die Schneekanonen sind nun liebevoll umh\u00fcllt und bekleidet. Bergsteiger, die nicht mit den neuesten Entwicklungen im Wintersport vertraut sind, m\u00f6gen sich wundern, was es mit diesen Gebilden auf sich hat. Die technoiden, metallischen, geometrischen Formen, die ohne Schn\u00f6rkel, zweckgebunden und fernab jeder \u00c4sthetik entworfen wurden, verschwinden unter bunten Ummantelungen und tuchartigen, Falten werfenden \u00dcberw\u00fcrfen aus Kunststoff. Vermutlich geschieht dies, um die teuren Maschinen vor Witterungseinfl\u00fcssen oder der Beschmutzung und Besch\u00e4digung durch Tiere und Menschen zu sch\u00fctzen. Gerade dieses absurde Moment der optischen Verwandlung von Technischem in Organisches hat den K\u00fcnstler dazu inspiriert, die merkw\u00fcrdigen Ger\u00e4tschaften als Figuren zu sehen und sie zu personifizieren.<\/p>\n<p>Wenn Walter Niedermayr davon spricht, dass es ihm ein Anliegen ist, mit dieser Werkgruppe so etwas wie eine Gesellschaft zu portraitieren, die von Schigebiet zu Schigebiet leichte Unterschiede aufweist, jedoch un\u00fcbersehbar immer gr\u00f6\u00dferes Terrain erobert, so hat er humorvoll, ironisch und trotzdem mit \u00e4u\u00dferstem Ernst eine treffende Metapher gefunden, um \u00fcber gesellschaftliche Entwicklungen und Ausw\u00fcchse nachzudenken. Es gelingt ihm, dies fotografisch so zu formulieren, dass der Betrachter atmosph\u00e4risch mitgerissen wird. Ein bisschen ist man an den vierten Teil von Felix Mitterers \u201ePiefke-Saga\u201c erinnert, der 1993 eine Zukunftsvision pr\u00e4sentierte, die der heutigen Wirklichkeit schon bedrohlich nahe gekommen zu sein scheint. Niedermayrs Intention l\u00e4sst sich jedoch vor allem mit jener von August Sander, einem der bedeutendsten Wegbereiter der dokumentarischen und sachlich-konzeptuellen Fotografie vergleichen. 1924 entstand dessen aus 45 Mappen und hunderten von Fotografien bestehendes Werk \u201eMenschen des 20. Jahrhunderts\u201c, in dem er anhand von Portraits von Menschen unterschiedlicher Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten eine Typologie erstellte. Mit dieser vergleichenden Art der Fotografie, die auf unmittelbarer Beobachtung beruhte, schuf er sowohl ein Abbild als auch ein facettenreiches Panorama der Gesellschaft seiner Zeit. Walter Benjamin attestierte seinem methodisch angelegten Portraitwerk eine aufkl\u00e4rerische Wirkung. Walter Niedermayr verfolgt, vergleichbar mit Sander, eine vorurteilsfreie und wirklichkeitsnahe Darstellung. Dabei kommt es zu einer interessanten Situation, die unvermutet zwischen Dokumentation und Erz\u00e4hlung angesiedelt zu sein scheint. Denn so wie er die bekleideten Schneekanonen ins Bild setzt und inszeniert, sei es in der Wiese vor einer Baumkulisse, in Ger\u00f6llhalden oder auf Gel\u00e4ndekuppen, bekommt man den Eindruck, als h\u00e4tte man es tats\u00e4chlich mit Wesen zu tun. Allerdings mit Wesen, die vermummt sind oder in einer R\u00fcstung stecken. Mitunter meint man, dass sie den Betrachter aus Augenschlitzen beobachten. Durch die Art, wie Niedermayr sie portraitiert, scheint es, als w\u00fcrde man einer Gesellschaft von W\u00e4chtern oder archaischen Rittern begegnen. Sie wirken wehrhaft, als w\u00e4ren sie die H\u00fcter und Verteidiger des sie umgebenden Gebiets. Diese maskierten Gestalten, die die Landschaft wie mythische Sagenfiguren besetzen und ihr wahres Gesicht nicht preisgeben, verk\u00f6rpern eine Gesellschaft von Stellvertretern. Sie stehen, und als solche hat Walter Niedermayr sie genauer unter die Lupe genommen, f\u00fcr Menschen, ihre Macht- und Interessenverb\u00e4nde, die vor allem den Profit vor Augen haben, mit der Erhaltung von Arbeitspl\u00e4tzen argumentieren und entgegen aller Mahnungen und Einspr\u00fcche von \u00d6kologen und Umweltsch\u00fctzern weiter immens viel Geld in Lifte, Pisten oder Hotels stecken, um Tourismusgebiete attraktiver zu machen. Niedermayrs Schneekanonenportraits erweisen sich als \u00fcberaus effektive Denkbilder. Denn bei allem Am\u00fcsement, das sie doch auch hervorrufen, ziehen sie einen Rattenschwanz an Fragen nach sich. Man beginnt zu \u00fcberlegen, wie die Beschneiungsger\u00e4te zu ihrem Strom kommen oder wo sich die Wasserspeicherseen befinden, ohne die die Anlagen nicht funktionieren w\u00fcrden. Man erinnert sich, schon einmal geh\u00f6rt zu haben, dass der Einsatz von Kunstschnee einen enormen Verbrauch an Wasser und Energie verursacht oder dass die empfindliche Vegetation vor allem in hochalpinen Lagen unwiederbringlich zerst\u00f6rt wird.<\/p>\n<p>Auch wenn sich Walter Niedermayr intensiv und seit langen Jahren damit auseinandersetzt, wie durch menschliche Eingriffe in die Natur urspr\u00fcngliche Landschaften \u00fcberformt werden und v\u00f6llig neue k\u00fcnstliche Landschaften entstehen, so ist seine Haltung neutral. Seine Arbeiten sind auf gesellschaftliche Prozesse bezogen und verweisen auf soziale und politische Gegebenheiten. Er arbeitet den seit der Aufkl\u00e4rung schwelenden philosophischen Disput um die Wertigkeiten von Natur und Kultur immer wieder heraus und legt nahe, die menschliche Einflussnahme auf die Natur neu zu bedenken. In Anlehnung an August Sander k\u00f6nnte man daher seine \u201ePortraits\u201c durchaus treffend als \u201eMenschen des 21. Jahrhunderts\u201c bezeichnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht in: <span style=\"text-decoration: underline;\"><a href=\"http:\/\/www.quart.at\/bibliothek\/alle_ausgaben\/nr_23_14\/das_wahre_gesicht\" target=\"_blank\">Quart \u2014 Heft f\u00fcr Kultur Tirol Nr. 23\/14<\/a><\/span>, 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Walter Niedermayrs neuester Werkgruppe \u201ePortraits\u201c, die in dieser Ausgabe von Quart erstmals zu sehen ist \u2013 am Umschlag und quer durch das Heft verteilt. Von Beate Ermacora &nbsp; \u201eSie sind stumme Zeugen unserer Zeit. Sie stehen in der Landschaft als personifizierter Ausdruck unserer Konsumgesellschaft. Manchmal ver\u00e4ndern sie ihr Gesicht, wenn der Wind sie ber\u00fchrt. &hellip; <a href=\"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/ermacora-beate-das-wahre-gesicht-2014\/\">Continued<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0},"categories":[6,20],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4086"}],"collection":[{"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4086"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4086\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5101,"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4086\/revisions\/5101"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4086"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4086"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/walterniedermayr.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4086"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}