• KOEXISTENZEN – CASANZA

    Der  Beitrag zur Biennale Gherdëina X 2026, der an zwei Orten präsentiert wird, entfaltet sich als nachhaltige Reflexion über Koexistenz, räumliche Verantwortung und die fragilen Architekturen des Gemeinschaftslebens.

    In einer ehemaligen landwirtschaftlichen Scheune in St. Christina ist sein fortlaufendes Fotoprojekt Koexistenzen als bewusst offene und nicht-hierarchische Anordnung installiert. Fotografien lehnen an Wänden, nehmen Übergangspositionen im Raum ein und widersetzen sich so der Starre einer konventionellen Ausstellungspräsentation. Diese räumliche Strategie spiegelt das Thema der Arbeit selbst wider: die historischen und zeitgenössischen Realitäten alpiner Gemeinschaften, die durch gemeinsames Eigentum und kollektive Selbstverwaltung geprägt sind. Im Fleimstal und den umliegenden Regionen, wo sich italienische, deutsche und ladinische Kulturen überschneiden, erscheint der Begriff der „Commons“ nicht als idealisiertes Modell, sondern als gelebter und ausgehandelter Zustand – einer, der sowohl Kontinuität als auch Spannungen hervorbringt.

    Die zweite, im Museum Gherdëina präsentierte Arbeit erweitert diese Untersuchung auf einen deutlich anderen Kontext. In Zusammenarbeit mit Marina Ballo Charmet entwickelte Niedermayr Casanza (2022), ein Zweikanal-Video, das im Frauengefängnis auf der Insel Giudecca in Venedig gedreht wurde. Im Mittelpunkt steht ein großer, bewirtschafteter Garten, der von den Insassinnen gemeinsam mit Mitarbeitern einer Genossenschaft und Freiwilligen bearbeitet wird. Die Kamera nimmt eine zurückhaltende, beobachtende Haltung ein, sodass tägliche Abläufe – pflanzen, pflegen, sich im Raum bewegen – ohne narrative Vorgaben entfalten können. Was bedeutet es für die Frauen, in dieser Einrichtung inhaftiert zu sein, die von Räumen für Bewegung, Kreativität, Offenheit, der Arbeit mit der Natur und dem Boden, von Kommunikation und vielem mehr geprägt ist? Können inhaftierte Frauen durch ihre Beziehung zur Natur – indem sie sich um sie kümmern und sie pflegen – Momente der Möglichkeit und neue Perspektiven für sich schaffen, die über die Bedingungen der Haft hinausgehen?